56)Tongefäss oder Tempel?
Wir Menschen -
Tempel oder Ton – oder warum Paulus manchmal wie zwei Theologen in einem klingt
Es gibt diese wunderbaren Momente in den Paulusbriefen, in denen man sich fragt:
„Paulus… hast du das wirklich alles in demselben Leben geschrieben?“
Einerseits nennt er uns Tempel Gottes – majestätisch, würdevoll, (1. Korinther 3,16–17; 1. Korinther 6,19).
Andererseits beschreibt er uns als zerbrechliche Gefässe. Als Tonkrüge mit Rissen, die einen Schatz in sich tragen (2. Korinther 4,7).
Das ist eine theologische Spannweite wie zwischen dem Grossmünster und einer Schüssel aus dem Brockenhaus.
Und genau darin liegt etwas Befreiendes.
Tempel Gottes – die Würde
(1. Kor 3,16–17; 1. Kor 6,19)
Wenn Paulus sagt, wir seien ein Tempel, dann meint er:
Gott wohnt in dir.
Nicht in einem perfekten Menschen, nicht in einem makellosen Leben, sondern in dir – so wie du bist.
Das Bild hebt uns hoch und erinnert uns daran, dass wir getragen, geliebt, "bewohnt" sind.
Zerbrechliche Gefässe – die Realität
(2. Kor 4,7)
Und dann, ein paar Kapitel weiter, sagt derselbe Paulus:
Wir sind Gefässe aus Ton.
Rissig. Fragil. Nicht besonders beeindruckend.
Das ist kein Widerspruch.
Das ist… das Leben.
Ein kleines Augenzwinkern zur „Wort-für-Wort“-Inspiration der Bibel
Wenn man Paulus liest, merkt man schnell:
Der Mann war kein Diktiergerät.
Er schreibt leidenschaftlich, poetisch, manchmal wütend, manchmal humorvoll, manchmal widersprüchlich menschlich.
Und genau das macht die Bibel so wertvoll:
Sie ist kein starres, himmlisches Dokument, das Gott vom Himmel "heruntergemailt" hat.
Sie ist ein Wegweiser. Kein Gott aus Papier.
Entspannter Umgang mit der Bibel – ohne Respektverlust
Ein entspannter Umgang mit der Bibel bedeutet keinesfalls, sie gering zu schätzen. Oder undankbar zu sein, ihr gegenüber.
Es bedeutet, sie als das zu nehmen, was sie sein will. Um nur einige Aspekte zu nennen:
-Ein Zeugnis von Menschen, die Gott begegnet sind
-Ein Spiegel unserer eigenen Zerbrechlichkeit
-Ein Fenster zu einer lebendigen Hoffnung
-Ein Wegweiser zu Christus
Die befreiende Botschaft
Die Kombination aus Tempel und Tonkrug sagt uns:
-Du bist wertvoller, als du denkst
-Du bist zerbrechlicher, als du zugeben willst
Und Gott hat kein Problem mit dieser Mischung!
Vielleicht ist es sogar genau diese Mischung, die den Schatz sichtbar macht.
Denn eingeschlossen im perfekt gebauten und sauberen Tempel könnte der Schatz vergessen gehen.
Ein rissiges Tongefäss ist ein Alltagsgegenstand. Dort kommt der Schatz täglich zum tragen.
Schlussgedanke
Vielleicht wollte Paulus gar keine perfekte Theologie liefern. (Er wusste nicht, dass seine Briefe einmal in ein sog. "Neues Testament" hineingenommen werden)
Vielleicht wollte er einfach sagen:
„Gott wohnt in euch. Und ihr seid trotzdem Menschen. Und das ist völlig in Ordnung.“