29)Vom Gebet zum Geben

Hilflos und frustriert
Im Markusevangelium, Kapitel 9 bringt ein Vater seinen leidenden Sohn zu Jesus.
Der Junge kann nicht sprechen, verliert die Kontrolle über seinen Körper und ist ständig in Gefahr, sich selbst zu verletzen.
Seine Eltern leben in einem Zustand dauernder Alarmbereitschaft.
Diese Eltern wenden sich in ihrer Verzweiflung an die Nachfolger Jesu. (Jünger)
Diese können nicht helfen und sind frustriert.

Heilung
Jesus heilt den Jungen auf spektakuläre Weise vor den Augen vieler Menschen.

Die Erklärung Jesu
Etwas später geht Jesus mit seinen Jüngern alleine in ein Haus. Auf ihre Frage, warum sie diesen Jungen nicht heilen konnten, sagt ihr Meister: „Diese Art fährt nur aus durch Gebet und Fasten“. Mehr ist dazu im Evangelium nicht mehr zu lesen. Haben die Jünger wohl verstanden, was Jesus ihnen sagen wollte?

Hilflos und begrenzt
Wenn ich diese Szene lese, denke ich an einen Jungen, den ich persönlich kenne: schwer autistisch, nicht sprechend, ständig beaufsichtigt, weil er sonst gefährliche Dinge tun könnte. Seine Eltern kämpfen an allen Fronten – um Unterstützung, um Entlastung, um Verständnis. Sie sind erschöpft, aber sie lieben ihren Sohn mit einer Kraft, die man nur bewundern kann.

Die Welt hat sich seit diesem Erlebnis in Markus 9 verändert - aber die Verzweiflung dieser Eltern ist dieselbe wie damals.

Die Jünger – und wir
Die Jünger versuchen zu helfen – und können es nicht. Obwohl sie einige Zeit vorher von Jesus je zu zweit ausgesandt wurden, um das Reich Gottes anzukündigen und Menschen zu heilen.
Dort konnten sie es. Warum jetzt nicht?
Sie taten, was sie gelernt haben, aber es reichte nicht.
Nur Jesus konnte den Jungen heilen.

Erleben wir es heute nicht manchmal ähnlich?
Wir wollen unterstützen, wir beten, wir begleiten – und stoßen doch an unsere Grenzen.

Wir spüren unsere Ohnmacht.
Wir merken: Wir sind nicht Jesus.
Und manchmal fragen wir uns wie die ersten Jünger:
„Warum konnten wir nicht helfen?“
Leider erleben wir sogar - im Gegenteil zu den Jüngern damals - dass Jesus nicht hilft. Gott greift nicht sichtbar ein.

Jesu Antwort
„Diese Art fährt nur aus durch Gebet und Fasten“
Was meinte Jesus wohl mit dieser Aussage? Eine Gebets-Technik? Ein Ritual?
Vielleicht: Gebet und Fasten bedeuten Lebensstil und nicht fromme Übung .

Wortspiel
Im deutschen Sprachgebrauch liegt ein schönes Wortspiel verborgen:
Gebet (von beten) und gebet (Apell-Form von Geben).

Vielleicht gehört beides zusammen.
Ein Gebet, das nicht zum Geben führt, bleibt leer.
Und ein Geben, das nicht im Gebet verwurzelt ist, brennt uns innerlich aus.

Gebet verbindet uns mit Gott.
Geben verbindet uns mit Menschen.

Jesus ruft uns zu beidem.

Wie sieht das im 21. Jahrhundert aus?
Wir treiben heute keine Dämonen mehr aus - wie damals.
Aber wir begegnen oftmals Situationen, die uns überfordern. Wie zum Beispiel:
-von der Medizin nicht heilbare Krankheiten und Behinderungen
-psychische Erkrankungen
-überlastete Familien
-Systeme, die Menschen im Stich lassen

Ein gelebtes Gebet könnte heißen: Menschen in Not nicht allein zu lassen, sondern für sie einzutreten – vor Gott und vor Behörden. In Politik, Gesellschaft und Alltag. Vielleicht gegen den Strom.
Ihre Würde schützen. Ressourcen teilen. Humanitäre Einrichtungen stärken. Nicht alles dem Geld unterordnen.
Hinschauen, wo andere wegschauen.

Fasten könnte heissen: verzichten, damit andere würdevoller leben können. Einfacher leben, damit wir freier geben können.
Egoistische Muster ablegen. Solidarisch werden.

So wird unser Gebet zu einem Geben – einem Leben, das weitergibt, was wir selbst empfangen haben.

Christliche Nächstenliebe als modernes Gebet und Fasten
Viele humanitäre Einrichtungen – Spitäler, Pflegeheime, Behindertenhilfe usw. – sind aus christlicher Barmherzigkeit entstanden.

Wenn wir uns auch heute dafür einsetzen, dass diese Orte nicht kaputtsparend verschwinden,
wenn wir Menschen unterstützen, die am Limit sind,
wenn wir uns für Menschen stark machen, die keine Lobby haben, dann ist das Gebet.
Dann ist das Fasten.

Unsere Ohnmacht – und Gottes Kraft
Wenn wir an unsere Grenzen kommen, ist das kein Versagen.
Es ist der Ort, an dem wir lernen, dass Gott größer ist als wir.

Unsere Ohnmacht kann der Anfang eines Lebensstils sein, der sagt:
„Herr, ich kann nicht – aber du kannst.“