46)Furcht
1. Johannes 4,18
„Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus.“
Wenn Angst zur ersten Sprache des Glaubens gehörte
Es gibt Menschen, deren erster Kontakt mit Gott nicht Liebe war,
sondern Drohung.
Nicht Nähe, sondern Warnung.
Nicht Vertrauen, sondern Furcht vor Verlorensein.
Als Kinder hörten sie von einer Hölle, die nie aufhört,
von einer Entrückung, bei der man zurückbleiben könnte,
von einem Gott, der alles sieht –
aber nicht, um zu behüten,
sondern um zu strafen.
Solche Worte graben sich ein.
Sie werden zu inneren Stimmen,
zu Schatten im Herzen,
zu alten Alarmglocken, die noch läuten,
wenn der Verstand längst weiß:
So ist Gott nicht.
Die alten Stimmen – und das neue Licht
Viele tragen diese frühen Botschaften wie eine leise, aber hartnäckige Spannung in sich:
„Bin ich wirklich sicher bei Gott?“
„Reicht seine Liebe auch für mich?“
„Was, wenn ich doch zurückbleibe?“
Das sind keine theologischen Fragen.
Das sind Wunden. Wunden brauchen nicht Argumente.
Sie brauchen Licht, Wärme, Heilung, Behandlung.
Später kommen dann oftmals noch Fragen dazu wie:
"Kann es sein, dass am Ende mehr Menschen verloren gehen, als soche die gerettet werden?"
"Wo ist meine Mutter-Vater-Tochter-Sohn-Freundin-und viele geliebten Menschen - die aber nicht richtig glaubten?"
Gottes Liebe ist größer als unsere Angst und falschen Lehren
Johannes schreibt nicht:
„Die richtige Lehre treibt die Furcht aus.“
Er schreibt:
„Die Liebe treibt die Furcht aus.“
Liebe heilt, was Angst zerstört hat.
Liebe löst, was Drohung festgebunden hat.
Liebe spricht eine neue Sprache in unser Inneres:
„Du bist sicher.
Du bist gehalten.
Du bist mein.“
Nicht, weil du perfekt bist.
Sondern weil Gott treu ist.
Der Gott, der niemanden zurücklässt
Die Angst vor Hölle und Zurückbleiben lebt von einem Bild Gottes,
das klein ist, eng und nicht erfüllbare Bedingungen stellt.
Doch der Gott Jesu ist anders: Er sucht das Verlorene, bis er es findet.
Er trägt die Welt - die vermeintlich Starken (Richtigen) und die Schwachen.
Er versöhnt, nicht weil wir gut sind, sondern weil jeder Mensch, wie immer er auch glaubt, erlösungsbedürftig bleibt. Deshalb ist Jesus als Gottessohn auf diese Welt gekommen und hat den schweren Weg der Erlösung der Welt auf sich genommen.
Diese universale Hoffnung ist nicht naiv. Sie ist das Vertrauen,
dass Gottes Herz größer ist als unsere Furcht
und seine Liebe weiter reicht als unsere Grenzen.
Ein neuer Anfang: Glauben ohne Angst
Vielleicht ist es Zeit, die alten Stimmen nicht mehr als Wahrheit zu behandeln,
sondern als das, was sie sind:
Erinnerungen an eine Zeit,
in der wir Gott noch nicht als barmherzigen und liebenden Vater kannten.
Und vielleicht ist es Zeit, eine neue Stimme zu hören:
„Fürchte dich nicht. Ich bin bei dir.“
Das ist die erste Sprache des Evangeliums.
Und die letzte.
Und die wahre.