19)Schafe und Böcke
Schafe und Böcke
Das Gleichnis von den Schafen und Böcken (Matthäus 25,31–46) wird oft als Drohung interpretiert. Die vereinfachte Aussage dieser Interpretationen lauten dann: ewige Strafe oder ewiges Leben.
Doch im Urtext steckt im Wort "ewig"eine andere Bedeutung. „Ewig“ heisst dort: äonisch. Also ein Zeitabschnitt.
Gericht
Gericht bedeutet hier Enthüllung, Aufdeckung. Es zeigt, was im Herzen eines Menschen lebt.
Jeder Mensch ist zugleich Schaf und Bock – fähig zur Barmherzigkeit und zur Lieblosigkeit.
Das Gericht macht sichtbar, wo wir Liebe gelebt haben und wo wir sie verweigert haben.
Das griechische Wort aiōnios bedeutet „zur kommenden Welt gehörig“.
„Ewiges Leben“ ist das Leben aus Gottes neuer Welt, das schon jetzt beginnt.
„Ewige Strafe“ gilt der Lieblosigkeit. Sie hat keinen Bestand in Gottes Reich.
Auch in den Büchern des alten Testaments gibt es keine Aussage, welche von einem endlosen Gefangensein in Qual spricht. Hingegen finden wir im neuen Testament sehr wohl Aussagen, dass ein Leben ohne Liebe - eine Phase der Trennung von Gott bedeutet.
Doch diese Phase ist nicht endgültig. Denn Gott ist Liebe (1 Joh 4,8), sein Zorn währt nur einen Augenblick, aber seine Gnade lebenslang (Ps 30,6). Christus selbst verheißt, uns nicht als Waisen zurückzulassen (Joh 14,18). Am Ende wird Gott alle Tränen abwischen und Heilung schenken (Offb 21,4). So zeigt die Schrift: Gottes Ziel ist nicht ewige Qual, sondern Wiederherstellung und Heilung durch seine Liebe.
Hoffnung für Schafe und Böcke
Die Schafe stehen für gelebte Barmherzigkeit.
Die Böcke stehen für verweigerte Liebe.
Doch beide gehören zu Gott – und beide werden von ihm gesehen.
Das Gericht ist nicht das Ende, sondern ein Abschnitt, in dem Gott uns zur Liebe ruft.
Hoffnung besteht darin: Auch die „Bock-Seite“ in uns kann verwandelt werden!
Praktische Anwendung
Wir sind eingeladen, unsere „Schaf-Seite“ zu leben.
Hungrige zu speisen.
Durstige zu tränken.
Fremde aufzunehmen.
Kranke zu besuchen.
Gefangene zu begleiten .
Und zugleich dürfen wir ehrlich bekennen: Wir sind auch Böcke. Wir versäumen die Liebe. Doch Gottes Gericht ist nicht Vernichtung, sondern Heilung – ein Zeitabschnitt, in dem er uns zur Barmherzigkeit ruft.
Schlussgedanke
Das Gleichnis von den Schafen und Böcken ist keine Drohung mit endloser Höllenstrafe. Es ist eine Einladung zur Barmherzigkeit. „Ewig“ meint: Teilhaben an Gottes kommender Welt. Jeder Mensch ist zugleich Schaf und Bock – und gerade darin liegt die Hoffnung: Gott ruft uns immer wieder neu, die Seite der Liebe zu leben.